Herr Knopf und die kleinen grauen Männer, Teil 1

„Weisst Du“, sagt Herr Knopf, „irgendwie ist alles ganz einfach.“

Ich finde eigentlich nichts so richtig einfach, weil ich mit Herrn Knopf nicht wie üblich in einem öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Zürich oder in einer übel beleumdeten Kneipe sitze, sondern an einer Bar des Flughafens Zürich.

Ich fliege nämlich mit Herrn Knopf nach Düsseldorf, wo eine internationale Käsemesse stattfindet. Eingeladenermassen, weil Herr Knopf diese Reise in einem Preisaufschreiben der Emmentaler-Foundation gewonnen hat. Er hat sich mit schätzungsweise 4000 SMS-Nachrichten à CHF 2.00 erfolgreich am Wettbewerb beteiligt, den Ersten Preis (eine Reise für 2 Personen in der Business-Klasse an die Internationale Käsemesse, inkl. VIP-Uebernachtung) gewonnen sowie ein Dankesschreiben der Schweizerischen Telefongesellschaft als treuer Kunde erhalten. Letzteres hat er einrahmen lassen und mir geschenkt. „Eine Urkunde kommt immer gut an“.

Nun, wir sitzen also, wenn auch leicht verkatert, im Flughafen. 3 Stunden vor dem Boarding. Herr Knopf hat darauf bestanden, rechtzeitig da zu sein, weil er mir unbedingt etwas zeigen will.

Missmutig füge ich mich in das Schicksal, leise bereuend, dieser Käse-Odyssee zugestimmt zu haben. Wir sitzen also in Schalensitzen und harren der Dinge, die da kommen. Eigentlich würde ich lieber ein Nickerchen machen, aber Herr Knopf ist wieder mal ganz auf Draht.

„Jetzt“, so sagt Herr Knopf, „kommt’s!“ Missmutig hebe ich meinen Kopf und sehe nichts. „Da!“, sagt Herr Knopf, begleitet von einem ekligen Rippenstoss, „die Invasion der grauen Männer“.

 

 

O.K., da sind Männer in Grau, wie immer zu jeder Zeit in einem internationalen Flughafen. Mein unklugerweise angebrachtes Votum, dass dem nun halt einfach mal so sei und dass mir die ganze Problematik eigentlich links und rechts an den Kotflügeln vorbeigehe, war unbedacht. Herr Knopf hat nun nämlich definitiv Feuer gefangen.

„Wir haben Zeit, also nutzen wir die Zeit für eine kleine Studie in Grautönen“. Mit Mühe hindere ich Herrn Knopf daran, aufzustehen. Es reicht schon, dass er übermässig gestikuliert und leider sehr laut spricht. Ich versuche, dem entgegenzuwirken und anerbiete mich, Kaffee oder sonst was zu holen. „Sonstwas“, verlangt Herr Knopf zielbewusst, also stehe ich auf und hole uns zwei Flaschen Bier. Der Flug geht erst in zwei Stunden und 50 Minuten.

Zurück im Schalensitz schnappt sich Herr Knopf seine Flasche und trinkt sie zügig an. Die Kohlensäure belebt ihn noch mehr. Er schlägt ein Bein übers andere, legt mir einen Arm um die Schultern und sein Kopf sinkt mir entgegen. Das ist mir nun doch ein bisschen zu intim, da Herr Knopf eine beachtliche Fahne vom Vortag hat und ausserdem seine Schuppen auf mein Revers rieseln. Wie es sich aber herausstellt, will mir Herr Knopf nur was Vertrauliches mitteilen, und dafür sei eben eine gewisse Nähe und Intimität notwendig. Allerdings ist seine Stimme genau so laut wie immer und mittlerweile ruhen seltsame Blicke von Mitreisenden und der wachsame Blick eines Security-Angestellten auf uns.

„Weisst Du“, dröhnt Herr Knopf vertraulich, „Du musst Dich einfach entspannen.“ Um einem möglichen Diskurs über Analverkehr zu entgehen, sag ich nichts. Nun senkt Herr Knopf seine Stimme so weit, dass man wieder ungehindert die Ansagen des Flughafenpersonals hört. Das heisst, Herr Knopf tritt in die knopfsche diskrete Phase ein. Das macht er sonst nur bei Beerdigungen, also muss was Besonderes anliegen.

„Sieh Dir nun mal dieses graue Männchen an“, doziert er und deutet mit der Bierflasche auf einen Herrn mittleren Alters, der vor dem Gate steht und wohlwollend seinen Blick in einem Radius von 361 Grad wandern lässt. „Ich wette“, so sagt Herr Knopf, „der ist auf unserm Flug. Der steht aber jetzt schon da, obwohl er HON-Member ist und in der Lounge sitzen könnte. Klarer Fall. Er braucht AUFMERKSAMKEIT.“ Ein weiterer Schluck Bier. „Aufmerksamkeit erregen“, so Herr Knopf, „ist die Passion der grauen Männer“. Ich sage nichts sondern beobachte den Security-Angestellten, der verdächtig mit seinem Funkgerät herumspielt.

„Ich wette“, sagt Herr Knopf, „dass gerade dieser graue Mann auf dem Platz 1A sitzen wird. Er wird aber auch der Erste sein, der das Flugzeug betritt. Und dann wird er zuerst mal stehen bleiben, den Eingang blockieren und das Flugpersonal begrüssen. Merke auf! SIC! ER begrüsst das Personal und nicht etwa umgekehrt.“ Herr Knopf nimmt einen weiteren Schluck, aber die Flasche ist leer und für einen Moment sieht er richtig traurig aus. Aber sofort hat er sich wieder gefangen und fährt in seinem Monolog fort. Laut.

„Und wenn er dann an seinem Platz sitzt, also als Erster auf 1A, dann mein Freund, wird er nicht wie wir anderen mit der Kotztüte, der Financial Times oder seinem Mobile rumspielen. Nein, er wird aufmerksam und leise lächelnd die Leute betrachten, die nach ihm die Flugröhre betreten und ihre Plätze weiter hinten suchen. Und vielleicht erkennt er einen mittlerweile abgestiegenen CEO, der in Folge Budgetkürzungen Holzklasse fliegen muss und dann wird er diesem freundlich zuwinken und sich heute Abend im Hotel darob einen runterholen.“.

Manchmal ist Herr Knopf erstaunlich. Ich ertappe mich dabei, dass ich den kleinen grauen Mann mustere. Zwischenzeitlich holt Herr Knopf frisches Bier und eine Tüte Gummibärchen. Der kleine graue Mann steht immer noch da. Der Flug geht in 2 Stunden und 25 Minuten.

„Hast Du sein Gepäck gesehen?“ Wieder spüre ich den Knopfschen Ellbogen. „Kein Laptop. Kein Business-Trolly. Nein, ein Pfuiton-Täschchen.“ Ich muss Herrn Knopf bei der Bezeichnung der Vuitton-Produkte rechtgeben. Manchmal hat Herr Knopf ein goldenes Zünglein. „Und das adrette Einstecktuch! Das wäre doch auch was für Dich!“ Mit Mühe hindere ich den listigen Herrn Knopf, mit ein gebrauchtes Kleenex zu applizieren.

Die Zeit schleppt sich dahin und ausnahmsweise schweigt Herr Knopf. Er schliesst sogar die Augen und müffelt entspannt vor sich hin. Ich vertreibe mir die Zeit mit einem Gang zur Toilette.

Die knopfsche Beobachtungsgabe fasziniert micht schon ein bisschen. Der graue Mann steht immer noch da. Mehr graue Männer haben sich nun um den Schalter versammelt; stehen verteilt an vielleicht wichtigen strategischen Punkten. Warten. Ab und zu klingelt, zirpt, singt oder musiziert ein Mobiltelefon. Gespräche werden entgegengenommen und es wird allerlei Wichtiges kommuniziert. LAUT. Arme Sekretärinnen müssen Anschlussflüge umbuchen, Tische reservieren, Ehefrauen müssen Kinder küssen, Chauffeure Autos bereitstellen … also alles Rituale um die eigene gesellschaftliche Position zu manifestieren.

Wir nähern uns der Boardingzeit und Herr Knopf ist wieder voll da. „Wollen wir uns positionieren?“ fragt er. Ich lehne ab, wohlwissend, dass Herr Knopf lediglich ein frisches Bier in Position bringen möchte, und bringe die leeren Flaschen zurück. Herr Knopf isst Gummibärchen und beobachtet die Positionsverteilung in Grau mit den Augen eines göttlichen Schachspielers.

Und es kommt genau so, wie Herr Knopf es vorausgesagt hat. Die HON- und Business-Graulinge drängeln und das Boarding wird gestartet. Herr Knopf lehnt sich sichtlich entspannt zurück. „Wir lassen uns ausrufen“, bestimmt er, „das ist wahres Understatement“. Er erhebt sich und begibt sich zur Toilette. Zum Teufel mit ihm. Erst müssen wir auf seinen Wunsch ungebührlich früh am Flughafen sein und dann trödelt er herum. Ich sitz wie auf glühenden Kohlen.

Nachdem wir zum zweiten Mal ausgerufen werden, kehrt Herr Knopf gelassen von der Toilette zurück und winkt mir zu. Würdevoll überreicht er dem ungeduldigen Personal seine Bordkarte und gemächlich besteigen wir das Flugzeug. Herr Knopf lässt sich vom Flugpersonal begrüssen, nickt und wir begeben uns zu 4A und 4B. Der kleine graue Mann erster Stunde beobachtet uns wohlwollend, von weiter hinten im Flugzeug werden wir giftig angeguckt.

Herr Knopf ist während dem ganzen Flug äusserst manierlich, trinkt lediglich 4 Biere und abgesehen von zwei Rülpsern kommt es zu keinerlei Turbulenzen. Einzig als der Sitzplatz 1A ungebührlich lange mit der Flugbegleiterin rumtändelt, wird er für eine Sekunde ungehalten, weil der Getränkenachschub gefährdet ist.

Als wir gelandet sind, besteht Herr Knopf darauf, sitzen zu bleiben. Und wie wir noch , zusammen mit Sitzplatz 1A , die letzten sind und uns laaangsam erheben, erklärt Herr Knopf der leicht ungeduldigen Flugbegleiterin, dass er „ein böses Bein“ habe. Und er bückt sich, um das Hosenbein hochzukrempeln. Doch als Sitzplatz 1A das Flugzeug nun auch verlässt, ist das böse Bein vergessen.

Wir sind endlich angekommen. In der Ankunftshalle die übliche Buntheit; also keine grauen Männer. Wir gehen zum Ausgang. Der Himmel ist grau, es regnet leicht und wir eilen zum Taxistand. Der Tag verspricht vielversprechend zu werden.

„Als erstes“ so sagt Herr Knopf in fröhlicher Erwartung, „werden wir an der Messe halbharten Grauschimmelkäse degustieren.“

Das haben wir dann auch getan, aber das ist eine andere Geschichte.

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