Ein fiktives Gespräch mit einer Autorin, die es gar nicht gibt und die wir trotzdem kennen (Erstmals veröffentlicht im TAGESANZEIGER 1984)
„Weisst Du“, erzählt Gabi Lenz mir, „damals, als der Rolf mich verlassen hat und unsere Beziehung als ‘Tote Hose’ abtat, ja, damals empfand ich stärker denn je, wie irgendwie brutal doch alles ist“.
Gabi Lenz, deren Erstlingswerke „Kaltes Eis“ und „Wie kommt der Sand in die Wüste“ kometenhaft am Bestsellerhimmel erschienen sind, weiss, wovon sie schreibt. Sie, der schon immer eine gewisse Kreativität zugesprochen wurde (ihr unterstand unter anderem ein Kartoffeldruck-Kurs in einem Seniorenzentrum), hat das geschafft, wovon viele träumen: einen literarischen Auf- und Ausbruch.
Ihre Erstlinge, anfangs holperig und zähflüssig zu Papier gebracht, sind die Geschichte ihres Beziehungsleidens und aber auch die Geschichte ihrer Selbstfindung und natürlich ihrer Sehnsüchte.
Gerade diese Sehnsüchte gipfeln auf Seite 12 von „Kaltes Eis„, wo zu lesen ist: „Ich lag in einer Novembernacht auf dem Teppich. Namenloser Regen aus dem Nirgendwo peitschte meine Fenster.“
Doch fragen wir Gabi Lenz, wie sie selber ihre ersten Schreibversuche sieht.
„… ich horchte auf den Lärm, der aus den herzlosen Strassen dieser frostigen Stadt stieg … und spürte plötzlich, wie wenn die Worte schon seit Jahren in mir ruhten, Ausdruck in mir emporsteigen. Alsdann schrieb ich meine ersten Zeilen und spürte den Zauberbann der Rhetorik über mir. Den, den die Rhetoriker zweier Jahrtausende als den ‚furor poeta‘ bezeichnet hatten.“
Das erste Gedicht
So entstand ihr erstes Gedicht, welches gleichermassen die sensible Initialzündung zu ihrem ersten Roman bildete:
Meine Ruhe ist kaputt
Mein Herz ist schwer
öde gähnt die Weltsteppe
im Winde klirren die Fasern.
Durch diesen Musen-Schritt tat sich Gabi natürlich eine total neue Welt auf. So knüpfte sie literarische Kontakte zu einem Zivildienstleistenden, der, um Anteil an ihrem Buch zu nehmen, sogleich von seinem eigenen Schreiben erzählte.
Der Drang zum Schreiben, nun restlos verstärkt, trieb Gabi in die grosse Welt der Literatur. In Buchhandlungen, Verlagen, auf Bestsellerlisten und in Zeitungen verfolgte sie die komplizierte und oft unergründliche Art dieses Metiers, und nachgerade stürmisch drängte es sie in ihre Poetinnenstube zurück.
Und als „Kaltes Eis“ endlich beendet war und sie den ersten mutigen Schritt zum Verleger unternahm – in einem weinroten Bolero mit angenähten Goldblechmünzen – und nach langem Hin und Her ihm eine simpel zusammengerollte Papierrolle, ihr Manuskript, hinreichte, erfuhr sie gleich nochmals, wie irgendwie brutal alles war. Das Manuskript war handgeschrieben, der Verleger zerstreut und überlastet, und das Einzige, was sie aus ihm herausbrachte, war, sie solle weiterschreiben. Mit der Schreibmaschine selbstredend. So wurde „Kaltes Eis“ nochmals geschrieben; mit zwei Fingern auf 223 Seiten.
„Es war heavy“, bekennt Gabi Lenz heute, „aber das muss man eben durch.“
Die Jahre zogen ins Land und „Wie kommt das Salz in die Wüste“ entstand. Gabi, immer noch auf deprimierender Verlegersuche, griff zu allen Mitteln, zog alle Register, um ihre Bücher unterzubringen. Doch sogar diverse Amouren mit Lektorinnen und Lektoren (ja, auch diese Erfahrungen blieben ihr nicht erspart) endeten meistens mit panikartiger Flucht der Betroffenen, sobald Gabi nach einigen schönen und wohlüberlegten Minuten mit ihren Manuskripten zu rascheln begann.
In diesen Tagen formte sich in Gabi ein Wissen um den Status des freischaffenden Künstlers, und plötzlich lockerte sich die Gefühlsschnur um ihren Hals, und so unversehens wie alles angefangen hatte, glaubte sie nun wie zu ihrer eigenen himmlischen Erlösung zu spüren: sie brauchte keine Bücher im Leben, keine fremden, keine eigenen.
Sprach’s und bestieg den überfüllten Intercity „Theodor Storm“.
Und wie es eben so ist, bahnte sich in diesen Augenblicken die entscheidende Wendung in ihrem Leben an: sie traf im Zug eine Lektorin, geriet mit ihr ins Gespräch, flugs wurden die beiden miteinander einig: „Wenn die Schreibwütigen doch wenigstens nicht so sinnlos ambitioniert die Welt erklären wollten und anspruchsloser hinauskotzen würden, was ihnen in Bauch und Leber sitzt, so würde manches im Bereiche der Literatur anders aussehen.“
Die beiden tauschten Erfahrungen aus, und Gabi reichte schlussendlich ihr Manuskript der Lektorin, die es spontan auf Seite 40 aufschlug und aus Seite 42 erklärte, dass sie das Buch gleich lesen will.
Nach einem Vierteljahr brachte sie es heraus. Und seither kennt jede und jeder Gabi Lenz – und liest das Werk ihrer Kunst mit wachsender Ausdauer.
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Anmerkung: Nein, die Gabi Lenz gibt’s nicht. Hans Pleschinski, der Autor von „Gabi Lenz / Werden und Wollen“, zeigt am Beispiel von Gabi, wie Literatur gemacht werden kann und wie sie in letzter Zeit eben auch gemacht wird. „Gabi Lenz“ ist eine bitterböse Satire auf eine Literatur, die vor lauter Bauchgefühl kopflos geworden ist, die vor lauter Weltschmerz betäubend wirkt und deren Massstab die oft kärglichen Zentimeter der eigenen angeschlagenen Psyche sind. Und wenn Sie den nächsten Quartals-Bestseller in die Hände nehmen, so denken Sie an Gabi Lenz.
Vielleicht erkennen Sie sie wieder.
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